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Graue Energie im Bau: Zwischen Klimaziel und Bürokratie: Praktikable Lösungen für KMU

  • Autorenbild: Marie Eckmann
    Marie Eckmann
  • vor 6 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Stunden

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Das Dokumentieren von grauer Energie im Bau gewinnt zunehmend an Relevanz. Hintergrund sind nationale und europäische Klimaziele, die auch den Gebäudesektor betreffen. Einzelne Bundesländer gehen dabei voran: So wurde im Rahmen des Hamburger Zukunftsentscheids beschlossen, die CO₂-Emissionen im Gebäudesektor bis 2030 deutlich zu reduzieren.


Gleichzeitig warnen Wirtschaftsverbände und Unternehmen vor zunehmendem bürokratischen Mehraufwand, der insbesondere kleine und mittelständische Bauunternehmer vor große Herausforderungen stellt.


Was ist graue Energie?

Graue Energie bezeichnet die gesamte Energie, die für Rohstoffgewinnung, Herstellung, Transport, Einbau und spätere Entsorgung eines Bauwerks anfällt. Sie umfasst also nicht den laufenden Betrieb wie z.B. beim Heizen, sondern die Energie, die bereits im Material steckt. 


Bis wann will Deutschland klimaneutral sein?

Während einige Bundesländer, wie Hamburg, Bremen oder Mecklenburg-Vorpommern bereits konkrete und ambitionierte Vorgaben formuliert haben, ist das Ziel auch auf Bundesebene klar definiert. Deutschland strebt die Klimaneutralität bis spätestens 2045 an. Um dieses Ziel zu erreichen, rückt neben den Emissionen im laufenden Betrieb zunehmend auch die graue Energie in den Fokus.


Welche Risiken ergeben sich daraus für kleine und mittelständische Bauunternehmen?

Sowohl die Handwerkskammer Hamburg als auch die Handelskammer Hamburg äußerten deutliche Kritik am Vorhaben der Hansestadt. Sie kritisieren, dass der Entscheid auf Verbote und detaillierte gesetzliche Vorgaben setzt, anstatt den Unternehmen technologische Freiheit bei der Umsetzung der Klimaziele zu lassen. Sie warnen vor einem massiven bürokratischen Mehraufwand durch kurzfristige Sofortprogramme und komplexe Nachweispflichten, die insbesondere kleine und mittlere Betriebe überfordern könnten. 


Neben dem hohen bürokratischen Mehraufwand wächst der Planungs- und Koordinationsaufwand, da verschiedene umweltbezogene Anforderungen technisch und zeitlich aufeinander abgestimmt werden müssen. Ebenso fehlt das Fachpersonal und das Recruiting qualifizierter Bewerber stellt für viele Bauunternehmer ohnehin schon eine Schwierigkeit dar. Für beispielsweise die Installation erneuerbarer Techniken und das Navigieren von modernen Softwares, fehlt es deutlich an spezialisierten Fachkräften wie Energieberatern oder Nachhaltigkeitsexperten, die diese Aufgabe übernehmen könnten. Auf der anderen Seite sind die Weiterbildungsmaßnahmen für bestehende Mitarbeiter wieder mit Zeit und Kosten verbunden.


Für kleine und mittelständische Bauunternehmen ist der Handlungsspielraum in dieser Thematik begrenzt, jedoch nicht vollständig ausgeschöpft. Durch strukturierte Prozesse und den gezielten Einsatz von Tools lässt sich der Dokumentationsaufwand effizienter gestalten und zumindest teilweise reduzieren.


Grundsätzlich gibt es drei praktikable Wege, um mit dem Thema umzugehen: selbst strukturieren, externe Unterstützung nutzen oder digitale Lösungen einsetzen.


  1. Do it yourself - mit Struktur

    Sich selbst mit der Dokumentations- und Klima-Thematik zu befassen, kostet Zeit und Ressourcen. Wer jedoch jetzt in das Wissen und Fachpersonal investiert, legt den Grundstein für langfristig effiziente Strukturen. Mit folgenden Hebeln kannst du die interne Belastung reduzieren:


    Material-Pässe von Herstellern anfordern

    Durch neue EU-Vorgaben und steigende Nachhaltigkeitsanforderungen wächst der Druck auf Baustoffhersteller, produktspezifische Umweltinformationen wie EPDs (Environmental Product Declarations) bereitzustellen.


    - Die Strategie: Kaufe bevorzugt dort ein, wo der Hersteller bereits einen digitalen Datensatz (z. B. EPD oder CO₂-Kennwert) bereitstellt, den man direkt für die Dokumentation nutzen kann.

    - Der Vorteil: Statt selbst Zahlen zu recherchieren oder zu schätzen, nutzt du einfach die geprüften Umweltwerte aus dem Herstellerdokument und übernimmst sie in deine Berechnung.


    Standardmaterialien definieren und vorab bilanzieren

    Viele KMU arbeiten mit wiederkehrenden Standards. Statt also jedes Projekt neu zu berechnen, kann es sinnvoll sein, diese Standardlösungen einmal systematisch zu erfassen und zu bilanzieren. Folgende Vorgehensweisen erleichtern dir den Prozess:


    Schritt 1: Typische Bauweisen identifizieren


    Beispiel:

    • Stahlbeton-Bodenplatte C25/30

    • Außenwand: Kalksandstein + Mineralwolle

    • Dach: KVH + Dämmung + ZiegelDecke: Stahlbeton mit Bewehrung


    Schritt 2: Mengenstruktur festlegen

Bauteil

Material

Einheit

Menge

Datenquelle

Bodenplatte

Beton C25/30

-

EDP/ ÖKOBAUDAT

Bewehrung

Stahl

t

-

EDP/ Standardwert

*Beispiel


Für diese Standardaufbauten kann einmalig eine Ökobilanz erstellt werden. Entweder intern, mit einem geeigneten Tool oder durch einen Experten. Die Werte dienen dann als Referenz für zukünftige Projekte. Das bedeutet, dass bei künftigen Bauvorhaben lediglich die Mengenangaben angepasst werden müssen. Die Struktur und Datengrundlage bleibt gleich.


  1. Bürokratie auslagern - Experten und Zuschüsse

    Bürokratische Anforderungen rund um graue Energie lassen sich nicht immer sinnvoll intern abbilden. Gerade für KMU kann es effizienter sein, Fachthemen auszulagern und Fördermittel zu nutzen, um Zeit, Haftungsrisiken und internen Aufwand zu reduzieren. Die folgenden Hebel helfen dabei:


    Werkvertrag im Fachbüro

    Statt eigenes Fachpersonal anzustellen oder zu schulen, kann man die Ökobilanzierung als externe Dienstleistung kaufen.


    - Die Strategie: Übermittle dem Fachbüro die Planungsunterlagen und Materiallisten der Hersteller. Das Büro erstellt die vollständige Dokumentation zur grauen Energie für Behörden und Förderstellen.

    - Der Vorteil: Kein interner Aufwand, klare Zuständigkeiten und rechtssichere Nachweise.

Stärken

Grenzen

Kaum interner Aufwand

Laufende Projektkosten

Haftung beim Experten

Abhängikeit von externen Kapazitäten

Schnell umsetzbar

Wenig internes know-how


Generalfachplanung/ Nachhaltigkeitsmanager

Ist das Projekt größer oder aufwändiger, bietet es sich an, die gesamte Nachhaltigkeitskoordination auszulagern.


- Die Strategie: Ein Nachhaltigkeitsmanager übernimmt die Koordination aller Nachweise zur grauen Energie als Subunternehmer und kommuniziert direkt mit Behörden und Förderstellen.

- Der Vorteil: Ein zentraler Ansprechpartner, weniger Abstimmungsaufwand und fristgerechte Einreichung aller Unterlagen.


Stärken

Grenzen

Maximale Entlastung

Höhere Kosten

Klare Kommunikation

Für kleine Projekte oft zu viel

Geringes Risiko

Wenig Einfluss auf Details

Fördermittel-gestützte Zusammenarbeit

Um anfallende Kosten bei einer Auslagerung abzufedern, eignen sich Fördermittel wie z.B. über die IFB oder KfW. Auf Bundesebene ist die Förderung eng mit dem Nachweis der grauen Emissionen verknüpft. 


- Die Strategie: Du kombinierst externe Ökobilanzierung mit bestehenden Förderprogrammen (z.B. IFB Hamburg, KFN), die die Kosten für Baubegleitung und Nachhaltigkeitsnachweise teilweise übernehmen.

- Der Vorteil: Professionelle Dokumentation bei deutlich reduzierter finanzieller Belastung.


Stärken

Grenzen

Kostenersparnis durch Zuschüsse

Antrags- und Abstimmungsaufwand

Höhere Planungssicherheit

Förderbedingungen müssen erfüllt werden

Attraktiv für KMU

Fördermittel nicht immer kurzfristig verfügbar

Den Suchaufwand reduzieren

- Die Strategie: Suche gezielt nach Leistungen wie „Ökobilanzierung (LCA)“, „QNG-Nachweis“ oder „EPD-Dokumentation“ statt allgemein nach Energieberatung. Nutze bestehende Netzwerke und regionale Förderstellen.

- Der Vorteil: Weniger Zeitverlust bei der Recherche und realistischere Angebote im KMU Budget.


  1. Digital lösen - mit Apps und Softwares

    Das digitale Lösen des Dokumentations-Problems bietet eine kostengünstigere Variante. Im Bezug auf den internen Aufwand reiht sich die digitale Lösung zwischen Eigenregie und Auslagerung ein. Der größte Mehraufwand liegt im Verstehen und Einrichten der Softwares selbst. Nicht jede Baustellen- oder Doku-App hilft automatisch bei der Dokumentation grauer Energie.


Ökobilanz-Softwares

Ökobilanz Softwares helfen dabei, die Umweltauswirkungen eines Produkts oder einer Dienstleistung über den gesamten Lebenszyklus hinweg zu erfassen und zu bewerten.


- Die Strategie: Nutzung einer spezialisierten LCA-Software, die Baustoffe, Mengen und Lebenszyklusdaten verarbeitet und daraus die graue Energie bzw. CO₂-Emissionen berechnet.

- Der Vorteil: Die Ergebnisse sind korrekt, reproduzierbar und für Förderungen sowie behördliche Nachweise gut geeignet.


Typische Tools:

  • eLCA

  • SimaPro

  • GaBi (LCA for experts)

  • openLCA


Stärken

Grenzen

Direkte Berechnung grauer Energie

Fachliche Einarbeitung nötig

Behördlich anerkannt

Teilweise Lizenzkosten


BIM- & CAD-basierte Lösungen

BIM- und CAD-basierte Lösungen sind für viele KMU kein Standard. Sie werden jedoch dann relevant, wenn man regelmäßig größere Projekte macht, bereits digitale Planungsmodelle vorliegen oder externe Planungsbüros diese liefern. In diesem Fall kann die Berechnung grauer Energie deutlich effizienter erfolgen, da Materialmengen automatisiert aus dem Modell übernommen werden.


- Die Strategie: Du nutzt BIM- oder CAD-Plugins, die Materialmengen automatisch aus dem Modell übernehmen und mit Ökobilanzdaten verknüpfen.

- Der Vorteil: Keine doppelte Datenerfassung, frühe Aussagen zur grauen Energie bereits in der Entwurfsphase.


Typische Tools:

  • One Click LCA

  • Archicad LCA-Add-on

  • CAALA

  • BIM Booster (Mensch und Maschine)


Stärken

Grenzen

Sehr präzise Mengenermittlung

BIM-Know-how erforderlich

Frühe Optimierung möglich

Höherer Setup-Aufwand

Ideal für Serienbau

Nicht für klassische 2D-Planung


Datenbasierte Bilanzierung über Standardwerte (ÖKOBAUDAT)

- Die Strategie: Du nutzt Standardwerte aus der ÖKOBAUDAT als Datengrundlage für die Berechnung grauer Energie: Entweder direkt oder über ein angebundenes Tool.

- Der Vorteil: Geringer Rechercheaufwand und eine Datenbasis, die von deutschen Behörden anerkannt wird.


Stärken

Grenzen

Kostenlos und anerkannt

Weniger detailliert als EDPs

Schnell einsetzbar

Keine produktspezifische Optimierung

KMU-tauglich

Begrenzte Materialtiefe


Ergänzend zur Emissionsberechnung können Baustellen- und Dokumentations-Apps dabei helfen, Materialdaten, Lieferscheine und Nachweise strukturiert zu erfassen und langfristig nachvollziehbar abzulegen. Dadurch wird die spätere Dokumentation deutlich effizienter. Einen ausführlichen Überblick zu geeigneten Apps findest du hier: https://www.nordwolf-marketing.de/post/baustellendokumentation-bautagebuch-apps-der-ultimative-guide-2026


Wichtig für KMU: Wer Nachweise zur grauen Energie einreicht, sollte darauf achten, dass die Daten nachvollziehbar und plausibel sind. Im Zweifel lohnt sich hier die Rücksprache mit einem Fachbüro.


Fazit & realistische Erwartung

Das detaillierte Dokumentieren von Emissionen, Baustoffen und grauer Energie wird langfristig ein fester Bestandteil der Baubranche. Dies wird sich vor allem zu Beginn als Belastung äußern und den Aufwand nachhaltig erhöhen.


Auslagerungen oder Softwares bieten hier bereits eine gute Möglichkeit, um den Prozess effizienter zu gestalten, gewährleisten aber leider keine vollständige Entlastung. Wer sich jedoch zusätzlich aktiv mit den neuen Regelungen auseinandersetzt und sie Schritt für Schritt in die eigenen Abläufe integriert, verhindert, vom bürokratischen Aufwand überrollt zu werden.


Entscheidend ist nicht, alles perfekt zu machen, sondern rechtzeitig anzufangen, bevor die Anforderungen zum Stressfaktor werden.

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