Der Hamburger Zukunftsentscheid und seine Auswirkungen auf die Baubranche
- Marie Eckmann

- 13. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 12 Stunden
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Auswirkungen auf die Baubranche | Potenziell belastende Auswirkungen | Potenziell erleichternde Auswirkungen

Im August 2023 trat das Hamburgische Klimaschutzstärkungsgesetz in Kraft. Es legt fest, dass Hamburg bis 2045 klimaneutral werden soll und definiert hierfür verbindliche Zwischenziele, darunter eine Reduktion der CO₂-Gesamtemissionen um 70 Prozent.
Ende 2023 kritisierten Vertreterinnen und Vertreter von Fridays for Future die bestehenden Klimaziele. Aus ihrer Sicht reichen die Vorgaben bis 2045 nicht aus, um den Klimaschutz wirksam voranzubringen. Sie bemängelten unzureichende Kontroll- und Durchsetzungsmechanismen bei der CO₂-Reduktion und forderten ambitioniertere Zeitpläne für schneller wirksame Maßnahmen. Daraufhin schlossen sie sich mit über 160 Organisationen zusammen, darunter NABU, der Mieterverein zu Hamburg und die Gewerkschaft ver.di, um eine Volksinitiative zu starten.
Die Stadt Hamburg berichtete, dass die erste Volksinitiative mit 23.316 von den 10.000 gesetzlich vorgesehenen Unterschriften mehrheitlich erfolgreich war. Auf die Volksinitiative folgte schnell das Volksbegehren, bei dem die Vereinigung mindestens 5% der Wählerstimmen in Hamburg gewinnen musste. Die gesetzlich festgesetzten 65.800 Stimmen wurden mit einem Ergebnis von 106.374 Stimmen erneut deutlich übertroffen. Auf das erfolgreiche Volksbegehren folgte der nächste Schritt im Verfahren. Am 12.10.2025 gab es den finalen Volksentscheid zum Hamburger Zukunftsentscheid. Mit einer Mehrheit von 53% setzten die Hamburger/innen an diesem Tag ein klares Zeichen. Der Hamburger Zukunftsentscheid trat damit ab November 2025 in Kraft.
Trotz des Erfolges gibt es kritische Stimmen zum neuen Gesetzesentwurf, darunter die Handelskammer, die sich bereits vor der Abstimmung im Oktober deutlich dagegen aussprach. Maßnahmen wie ein CO₂-Budget oder verpflichtende Programme bei Zielüberschreitungen würden laut Kammer zu mehr Bürokratie und Wettbewerbsnachteilen führen.
Während auf politischer Ebene über Klimaziele, Budgets und Zeitpläne entschieden wird, stellt sich für viele Unternehmen bereits eine ganz andere Frage: Was bedeutet der Hamburger Zukunftsentscheid konkret für den Alltag in der Praxis?
Besonders für Bauunternehmen ergeben sich daraus konkrete und weitreichende Veränderungen.
Doch welche konkreten Auswirkungen sind das?
Unter anderem:
Verschärfte Emissionsvorgaben & CO2-Budgets
Bis 2030 sollen 70% der CO₂ Emissionen für den Gebäudesektor reduziert werden. Wird dieses Ziel nicht erreicht, greifen sogenannte Sofortprogramme mit zusätzlichen Maßnahmen für den Baubereich, die der Senat innerhalb von drei Monaten beschließen muss.
Bauliche Pflichten und Normen
Alle Zeiger stehen auf Klimaneutralität. Alle bedeutenden Sanierungen (wie eine Komplettsanierung) und Neubauten müssen ab Januar 2026 klimaneutral gebaut werden und alle Standards erfüllen. Bauunternehmen sind zudem verpflichtet, passive bauliche Alternativen zum sommerlichen Wärmeschutz zu prüfen, zu dokumentieren und nachzuweisen. Vergleichbare Nachweispflichten gelten auch für den Umgang mit Asbest sowie für die Abfalltrennung auf der Baustelle. Gängige Praxis soll ebenso das Erfassen von grauer Energie (CO₂-Bilanz der Baustoffe) werden. So wird der bürokratische Aufwand für Bauunternehmer deutlich erhöht. Eine weitere zentrale Regelung ist die verpflichtende Umsetzung von Solargründächern. Ab dem 1. Januar 2027 müssen sämtliche Neubauten entsprechend ausgestattet werden; Gleiches gilt bei wesentlichen Dachsanierungen.
Anpassung an die Hamburgische Bauordnung (HBauO) 2026
Zur Vereinfachung des Bauens in 2026 ist parallel zum Zukunftsentscheid das HbauO in Kraft getreten. Es soll das Bauen im kommenden Jahr leichter und ökonomischer gestalten. In besonderen Fällen, wie baulichen oder Nutzungsänderungen kann zum Beispiel der Bestandsschutz gänzlich entfallen, sodass perspektivisch eine klimaneutrale Sanierung bis 2040 ermöglicht werden soll. Baugenehmigungen erlöschen wie gewohnt nach drei Jahren, wobei bereits genehmigte Anträge gegebenenfalls an neue Standards angepasst werden müssen.
Auf Basis der genannten Faktoren lassen sich erste belastbare Einschätzungen zu den Auswirkungen auf Bauunternehmen im Jahr 2026 ableiten.
Potenziell belastende Auswirkungen für Bauunternehmen sind:
Kostendruck durch Mehrfachpflichten
Durch zusätzliche bauliche Vorgaben, wie etwa die Pflicht zur Umsetzung von Solargründächern, steigt für Bauunternehmen nicht nur der Kostendruck. Gleichzeitig wächst der Planungs- und Koordinationsaufwand, da verschiedene umweltbezogene Anforderungen technisch und zeitlich aufeinander abgestimmt werden müssen.
Bürokratie durch Nachweispflichten
In 2026 werden Bauunternehmer deutlich mehr Ressourcen in die Dokumentation der Prozesse und Materialien, sowie in Softwarelösungen zur Emissionsdokumentation investieren. Zusätzlich zu den Kosten für diese Software-Abonnements stoßen viele Bauunternehmen auf ein weiteres Problem: Es fehlt an qualifiziertem Personal, um digitale Systeme im Tagesgeschäft zuverlässig zu bedienen. Tipps, die dir das Dokumentieren erleichtern, findest du hier.
Risiko von unerwarteten Verschärfungen
Werden die Klimaziele nicht eingehalten, reagiert der Hamburger Senat mit sogenannten Sofortprogrammen. Diese können kurzfristig neue Anforderungen mit sich bringen und bestehende Planungen verändern. Für Bauunternehmen sinkt dadurch die Planungssicherheit deutlich.
Fachkräftemangel bei Spezialwissen
Das Recruiting qualifizierter Bewerber stellt für viele Bauunternehmer ohnehin schon eine Schwierigkeit dar. Für beispielsweise die Installation von Wärmepumpen, Solargründächern oder die Holz-Hybrid-Bauweise, fehlt es deutlich an spezialisierten Klimatechnologen, die diese Aufgabe übernehmen könnten. Auf der anderen Seite sind die Weiterbildungsmaßnahmen für bestehende Mitarbeiter wieder mit Zeit und Kosten verbunden.
Sozialklauseln begrenzen Margen
Im Zuge des Hamburger Zukunftsentscheids entschied man sich für die Sozialverträglichkeit. Eine Maßnahme, die dafür sorgt, dass für Mieter bei verpflichtenden Sanierungen keine Kosten anfallen. Für viele private Auftraggeber sinkt dadurch die erwartete Rendite spürbar, insbesondere bei langfristig geplanten Investitionen. Das führt dazu, dass Baukosten deutlich kritischer hinterfragt werden und Preisverhandlungen für Bauunternehmen schwieriger werden.
Potenziell erleichternde Auswirkungen für Bauunternehmen sind:
Klare Investitionsleitplanken
Klare Vorgaben zur klimaneutralen Energietechnik schaffen für Bauunternehmen langfristige Orientierung. Sie reduzieren das Risiko von Fehlinvestitionen, da bereits heute absehbar ist, welche Technologien künftig keine Rolle mehr spielen werden. So ist der Einsatz fossiler Gas- und Ölsysteme bis 2040 vollständig ausgeschlossen. Gleichzeitig sorgen verbindliche Vorgaben zu Materialien und Bauweise dafür, dass Unternehmen frühzeitig in die richtigen Technologien und Ressourcen investieren können.
Vorteile im Recruitment
Der Hamburger Zukunftsentscheid verändert, wie sich die Baubranche nach außen darstellt. Bauunternehmen sind heute nicht mehr nur Ausführende, sondern zunehmend Teil einer klimafreundlichen Stadtentwicklung.Arbeitsmarktstudien von LinkedIn und StepStone zeigen, dass insbesondere junge Menschen verstärkt nach Sinn, Technologiebezug und Zukunftssicherheit in ihrer Arbeit suchen. Die zunehmende Technologisierung und ökologische Ausrichtung der Baubranche trägt dazu bei, genau diese Erwartungen zu erfüllen. Unternehmen, die diesen Wandel aktiv mitgehen, haben im Wettbewerb um junge Fachkräfte spürbare Vorteile.
Beschleunigte Genehmigungsverfahren
Die Hamburgische Bauverordnug (HBauO) soll das Bauen in den kommenden Jahren erleichtern und gleichzeitig ökologischer gestalten. Bei kleineren Bauvorhaben muss beispielsweise nur noch eine Anzeige geschrieben werden. Widerspricht das Bezirksamt nicht innerhalb von einem Monat, gilt die Genehmigung als erteilt. Zudem dürfen Bauunternehmer neuerdings die volle Verantwortung für ihre Baustelle übernehmen und sind nicht mehr auf die Behörden angewiesen. So wird das Bauvorhaben leichter und schneller umgesetzt werden können.
Langfristige Auftragssicherheit
Trotz kurzfristiger Herausforderungen bietet der Hamburger Zukunftsentscheid Bauunternehmen vor allem eines: langfristige Auftragssicherheit. Der klimaneutrale Umbau des Gebäudebestands bis 2040 und der weiterhin hohe Bedarf an Wohnungsneubau schaffen eine stabile Nachfrage über viele Jahre hinweg. Wer frühzeitig in Kompetenzen, Technologien und Prozesse investiert, kann sich als Vorreiter etablieren und dauerhaft von diesem Wandel profitieren.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Hamburger Zukunftsentscheid weder durchweg belastend, noch erleichternd auf die Baubranche wirkt. Es entsteht eine Wechselwirkung aus steigenden Dokumentationspflichten und einer langfristig gesicherten Auftragslage, die die Baubranche strukturell verändern wird.
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